Einspruch! – vom (Jürgen) Jonas –

Einspruch
gegen die geplante Endelberg-Autobahn,


gegen diese vor allem,
doch auch gegen andere verderbliche Entwicklungen,


einerseits in die Form einiger „Bilder aus der Ländlichkeit“ gefasst und als „Schneckenhäuser des Widerspruchs“ dargebracht,

andererseits auch als „Extrablättchen“ oder „Zettelkästen“ nebst einigen „Sonderklauseln“ dargereicht, alles mit dem Fahrrad oder zu Fuß erarbeitet
von J.W. .Jonas,
wohnhaft in der Gemeinde Nehren,


Gerichtet an das Referat 24
des Regierungspräsidiums
in der Konrad-Adenauer-Straße 20
in der benachbarten Stadt Tübingen


Sehr geehrtes zuständiges Referat 24,

heute empfangen Sie auf diesem Weg den ersten Teil meines Einspruchs, sozusagen als Vorwort. In nächster Zeit werden Sie mehr oder weniger täglich weitere Teile erreichen, die am Ende gebündelt und in Form gebracht Ihr Amt, wie verlangt, per Einschreiben erreichen werden.

Zunächst will ich Ihnen als Referat 24 eine kleine Begebenheit aus meinem Alltagsleben schildern. Vor ungefähr zwei Wochen war ich mit meinem Fahrrad von Nehren nach Dußlingen unterwegs, zum Herbstfest der „Interessengemeinschaft der Einzelhändler, Dienstleister und Handwerker“. Kurz bevor ich losfuhr, hatte ich ein Buch des Wiener Dichters Peter Altenberg (1859-1919) in der Hand. Er hat in seinem Werk und auch in seinem Dasein einige Fragen gestellt. In dem Buch las ich folgende: „Könnt ihr euch Beethoven, Goethe, Kant rasend dahinfahrend vorstellen, ihr reichen Menschen?“ Als ich über die gigantische Fahrradfahrerbrücke fuhr, welche die B27 quert, blieb ich, wie manches Mal, kurz stehen und warf einen Blick übers Geländer. Den rasendsten Blechgefährten schaute ich, wie immer höchst befremdet, hinterher und dachte mir: „Der Peter hat recht. Da sitzen Beethoven, Goethe, Kant ganz bestimmt nicht drin!“

Jetzt denken Sie vielleicht: „Was schreibt der Mann denn da? Wir sind hier im Amt für Beethoven, Goethe und Kant doch gar nicht zuständig.“ Das trifft womöglich zu.
Oder Sie denken: Der Mann macht Witze. Da irren Sie sich aber. Die Sache ist ernst. Der Trassen-Trash, wie er bisher nur auf Ihrem Papier existiert, darf nicht Wirklichkeit werden.

Denn ein Schwerpunkt des Referats 24 liege, schreiben Sie, im Bereich der Planfeststellung. Sie sind, wenn man es, wie Sie selbst dies getan zu haben für sich in Anspruch nehmen, „vereinfacht“ ausdrückt, für „förmliche Genehmigungsverfahren“ zuständig in Hinsicht auf „häufig umstrittene Großvorhaben wie Autobahnen, Straßen und Schienenwege“, aber eventuell auch solche wie „Landesmesse, Flughafen sowie Strom- und Gasleitungen.“ Also auch für die sogenannte Endelbergtrasse, die der Gegenstand meines Einspruchs ist. Sie schreiben dazu: „Zahlreiche Ämter, Kommunen und betroffene Bürger nehmen ihre Beteiligungsrechte wahr.“ Als „betroffener Bürger“ nehme ich aber nur wahr, was mir an
„Beteiligungsrechten“ eingeräumt wird. An diese Rechte glaube ich nicht wirklich. Aber das ist ein anderes Thema.

Nach 22 Jahren (einer wohlwollenden Berechnung zufolge) rücken Sie die Planungen heraus. Und versprechen: „Referat 24 prüft und erörtert die zahlreichen Hinweise, Bedenken und Argumente und entscheidet nach einer umfassenden Abwägung darüber im Planfeststellungsbeschluss.“ Soll ich das ganz prima finden? Denn ich habe doch einige Hinweise vorzubringen, von der Vielzahl der Bedenken gar nicht zu reden. Einiges von dem, was ich vorbringen werde, kann sicherlich auch als Argument verstanden werden, wenn man zu verstehen gewillt ist.

Mein Name ist Jürgen Jonas. Seit über drei Jahrzehnten, ja fast seit vieren, bin ich in Nehren wohnhaft. Für meinen Wohnort habe ich mich immer besonders eingesetzt. Etwa für den Philosophen Hans Vaihinger. Oder, mit zahlreichen Veranstaltungen, das Kulturforum. Oder den Geschichtspfad. Oder den Orgelbauer Renkewitz. Oder die Entwicklung der Ortsmitte. Der Gemeinderat hat mich 2004 beauftragt, anlässlich der kirchlichen Vereinigung von Nehren und Hauchlingen 500 Jahre zuvor ein Buch zu schreiben. Mit meinem Freund Martin Schurr habe ich 2007 das „Kirschblütenfest“ ins Leben gerufen, als von einem „Verein Streuobstparadies“ noch keine Rede war. Auch in der Initiative um den Erhalt der Traditionsgaststätte „Schwanen“ war ich von Anfang an aktiv.

Durch meine Mitarbeit beim Schwäbischen Tagblatt, speziell dem Steinlachboten, bin ich aber auch als „radelnder Lokalreporter“ in sämtlichen anderen Gemeinden bekannt. Auf dem Verbindungswegle zwischen Nehren und Ofterdingen, dort, wo die Trasse errichtet werden soll, bin ich unterwegs, so wie auf all den Fahrrad- und Feldwegen des Steinlachtals. Zwischen Gomaringen, Dußlingen, Ofterdingen, Bodelshausen, Gomaringen , Stockach, Mössingen, Talheim, Öschingen, Bästenhardt, Belsen, Bad Sebastiansweiler bewege ich mich. Mehrfach kam ich sogar bis nach, nein, nicht Froschmoorstetten, sondern nach Hechingen. Oder auch auf die Alb hinauf.
Die Leute kennen mich als „der Jonas“, so nennt sich die samstägliche Kolumne, die ich als, seit Geburt führerscheinloser, radelnder Lokalreporter schreibe.
„Aah, der radelnde Reporter“ und „Send Sie wieder mit em Rädle do?“ höre ich oft. Oder „Ihr B‘riicht war wiedr mol spitze!“

Diese Kolumne lebt von der Landschaft, die ich durchfahre und den Geschichten, die ich höre. Was hier gebaut werden soll, betrachte ich als ein schweres Unglück, das meine Kunstfigur „Der Jonas“ schwer in Mitleidenschaft zieht. Es ist mein „Geschäftsmodell“, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und damit werden die Baupläne zu etwas, was ich als Angriff auf mich persönlich empfinde. Dagegen muss ich mich verteidigen. Die Trasse zerstört dabei nicht nur das, was ich beschreibe. Sondern auch das, was ich durchfahre. Und finde.

Wie zum Beispiel die zwei schönen weißen Schneckenhäuser. Beim Spaziergang der Endelbergtrassen-Gegner ins Nehrenbachtal, zu dem am Sonntag, den 6. September, eingeladen war, habe ich diese zwei leeren Schneckenhäuser auf dem Wanderweg entdeckt und auf die Seite gelegt, auf den Ast eines mit leuchtend roten Früchten vollbesetzten Apfelbaums, damit sie nicht zertreten werden. Warum ich das tat? Weil ich ein großer Verehrer von Karl Mayer bin, der, als poetisierender Oberjustizrat, dem Dichterkreis der schwäbischen Romantik zugerechnet wird.

Das Schneckenhaus

Was stößt dein Fuß hier vor sich hin?
Was schätzet so gering dein Sinn? –
Ein leeres Schneckenhaus im Gras!
Und doch – ein Lusthaus war auch das,
Als es noch wandelt‘ in der Au,
Umblitzt von aller Blumen Tau. –
Verachte nie des Schöpfers Stempel,
Auch nicht am kleinen Schneckentempel!


Das hat Karl Mayer 1836 geschrieben, in der Gedichtsammlung „Aus der Naturwelt“.

Ich stelle mir vor, der unermüdliche Wanderer und ehrfürchtige Naturbeobachter hat das genau auf dem Weg zwischen Ofterdinger Friedhofsberg und dem Nehrenbachtal verfasst. Es passt zu dem Satz, den ich in der Kolumne „Der Jonas“ ein paar Mal zitiert habe. Er stammt aus den Briefen der Rosa Luxemburg, die sie aus der Kerkerhaft schrieb. Sie sagt: „Ein zu einem wichtigen Tun eilender Mensch, der aus roher Unachtsamkeit einen Wurm zertritt, ist ein Verbrecher.“

Die „Gefängnisbriefe“ der von deutschen Offizieren erschlagenen Jüdin sollten Sie auch einmal lesen.
Ich bitte nämlich das Referat 24 als die verantwortliche Stelle dringlich, auch die Literaturangaben, die unterwegs von mir gemacht werden, durchzustudieren. Auf den vielen Seiten dieser Autoren verbirgt sich, ungelogen, immense Weisheit. Das dürfen Sie sich nicht ungeprüft entgehen lassen. Lesen Sie deshalb bitte alle angegebenen Werke genau durch, denn das verzögert ja auch den Anmarsch der Bagger um eine gehörige Frist. Bei Gelegenheit werde ich fragend nachforschen, ob Sie dieser Forderung nachgekommen sind.

Darunter zähle ich etwa die Wanderführer von Gustav Schwab, das gesamte lyrische Werk von Karl Mayer oder die Werke in drei Bänden von Günter Bruno Fuchs. Diese und andere Autoren führt „der Jonas“ öfter an.

Dies war also mein „Schneckenhaus des Widerspruchs“. Und zwar nur die erste Folge. „Bilder aus der Ländlichkeit“ werden sich anschließen, wie oben angekündigt. Ich werde meine Begegnungen mit Füchsen, Eichhörnchen, Maulwürfen, Feldlerchen, Vogelscheuchen und Grashalmen erzählen. Und einiges mehr. Jeden Tag werde ich Ihnen als dem „Referat 24“ nun einen solchen Beitrag In verschiedenen literarischen Formen zusenden, als Zeichen des Widerstands gegen die asphaltene Tönnies-Wurst, die durch die Landschaft gewälzt werden soll. Zum Schluss werden sie zusammengefasst und sinnvoll in eine Form gebracht, um als Einschreiben bei Ihnen einzugehen. Wie am Anfang bereits ausgeführt.

PS. Nicht, dass Sie auf den Verirrungsweg geraten und mir am Ende den billigen Vorwurf entgegenhalten, ich verträte „grüne Ideologie“. Als wäre ich Baldur Springmann. Keineswegs, vielmehr habe ich schon in jungen Jahren Alfred Schmidts grundlegende Studie „Der Begriff der Natur in der Lehre von Karl Marx“ gelesen. Und mein Großvater Hermes sang mir öfter mal, wenn wir durch die Wälder der Vordereifel stapften, ein lustiges Lied des Satirikers Erich Weinert aus den zwanziger Jahren vor. Es trägt den Titel:


„Gesang der Edellatscher“

Der Frühling braust; wir ziehen fürbaß
und zupfen unsere Geigen.
Wir hüpfen froh ins nasse Gras
und tanzen unsre Reigen.
Die Klampfe klirrt im Schritt und Tritt.
Die Kochgeschirre klirren mit.
Der Wald ist voll Akustik.
Wir sind so schrecklich luuustig.

Und sitzen wir am Waldesrand,
dann schweigen unsre Klampfen,
dann lassen wir durchs stille Land
die Hafergrütze dampfen.
Die Maggisuppe duftet weit
in Wald und Bergeseinsamkeit.
Wie lustig schmort die Soße
in der Konservendose!
Und ist die Grütze aufgekaut,
dann wird in blau und rosa,
das Seelenleben aufgebaut,
teils lyrisch, teils in Prosa.
Hoch in den Wolken flieht der Blick.
Wir ziehen uns aus der Welt zurück
und sprechen leis im Chore
Rabindranath Tagore.

Wir fühlen uns nicht bürgerlich
und auch nicht proletarisch.
Wir wandeln auf dem Himmelsstrich
und leben literarisch.
Die schnöde Welt, wir hassen sie.
Nur abgeklärte Poesie
ist unsre Seelenspeise.
Wir sind so schrecklich weise.

Pfui Klassenkampf! Wie ordinär!
Wir kennen nicht Tarife.
Der Reichtum kommt von innen her
aus unsrer Seelentiefe.
Wer sich von innen her beschaut
und Nietzsche liest und Rüben kaut,
was kümmern den die andern?
Juchhu! Wir müssen wandern!

Gerne komme ich einmal, wenn Sie mich einladen, in Ihre Amtsstube, um Ihnen das Lied vorzutragen, die geschichtlichen und literarischen Hintergründe zu erläutern und darüber zu diskutieren.

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