Vierter Teil des Einspruchs, ein „Zettelkasten“ vom Apfelbaum, dem Wirte wundermild, welchem „der Jonas“ auf den Wiesen der Umgebung mit stetigem Respekt begegnet

Vorweg: Die amtliche Definition von „Baum“ soll, wie ich in einer „Sprachlupe“ gelesen habe, „raumübergreifendes Großgrün“ lauten. „Der Jonas“ bevorzugt „Baum“, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Denn, sehr geehrtes Referat 24, wir wissen es: Äpfel sind zur rechten Zeit, so wie jetzt, auf den Wiesen zu finden. Wenn ein Stadtkind aber auf das Land kommt, dann sieht es sich nach der Fabrik um, die die Äpfel macht, wie der Denker Ernst Bloch in einer seiner „Leipziger Vorlesungen“ sagte. Wer hier wohnt, ist bevorzugt.
Goethe, der mit der Kutsche durch diese Landschaft des Steinlachtals gefahren ist, wusste klug über den Apfel zu reden, als ob er im Steinlachtal aufgewachsen wäre. Lesen Sie nur mal, was er im Jahr 1809 mit dem hervorragenden Satiriker Johann Daniel Falk (Kennen Sie „Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel“? Gehört in die Literaturangaben-Leseliste) von sich gegeben hat: „Kein Apfel wächst mitten am Stamme, wo Alles rauh und holzig ist.“ Das ist Beobachtung. Er fährt fort: „Es gehört schon eine lange Reihe von Jahren und die sorgsamste Vorbereitung dazu, so ein Äpfelgewächs in einen tragbaren, weinichten Baum zu verwandeln, der allererst Blüthen und sodann auch Früchte hervortreibt.“

Das beschreibt genau die Apfelbaumpflege-Arbeit, die hier im Steinlachtal über Jahrzehnte hinweg geleistet wurde.
Und das sagt er zum Einzelexemplar: „Jeder Apfel ist eine kugelförmige, compacte Masse und fordert als solche beides, eine große Concentration und auch zugleich eine außerordentliche Veredelung und Verfeinerung der Säfte, die ihm von allen Seiten zufließen.“

Ach, ihr Äpfel. Gedankenkräftige Goldparmäne. Bodenständiger Boskopp. Diffiziler Delicious. Ruminierender Remington Steel. Gehaltvoller Geheimrat Doktor Oldenburg. Und wie ihr alle heißen mögt.
Beziehungsweise gefällt mir auch als Fahrradfahrer die Begegnung mit den Pferden und ihren Reiterinnen und Reitern. auch ein pfundiger Pferdeapfel. Schon vor vielen Jahren habe ich das großartige Gefühl beschrieben, das entsteht, wenn der Radfahrer in der Dunkelheit durch einen dicken Pferdeapfel fährt.

Flügel hat sich der Apfel in weiser Voraussicht keine anschrauben lassen, sonst hätte es ja Sir Isaac Newton nie in diesem Ausmaß geben können. Gut, könnten Neidhammel jetzt sagen, der Wissenschaft liefert er entscheidende Hahnentritte, aber dafür der Kunst keinerlei Elfenbein. Da lachen ja die Hühner! War nicht uns’ Uhland, „der Holzbirnenkopf“ (Vischer), jüngst bei einem Wirte wundermild zu Gaste? Versuchte nicht das Hölderle mit dem Herbeten von Platons anzüglicher Apfel-Mann-Frau-Theorie bei Damen mit „intereßanter Figur“ Kuß-Coups zu landen, wenn nicht sogar mehr? „Du Goldparmä, du verfaulte!“ Dieses Gôgen-Wort ist reinste, reinetteste Poesie.

Als radelnder Lokalreporter war ich bei allem dabei, was mit Äpfeln angestellt wird. Beim Apfelauflesen. Mit Schülern. Mit alten OGV-Knackern. Beim Apfelsäcke-in-die-Moste bringen. Beim Mosten. Bei den Mostprämierungen.
Beim Apfelsaftpressen. Bei den Anstrengungen, des Apfels Pracht nutzbar zu machen, zum Beispiel als Gummibärchen.
Beim Vortrag über den malenden Apfelpfarrer Korbinian Aigner.
Das „Netzwerk Streuobst“ hat meine Person einmal anlässlich der „Apfelwoche“ zu einer Lesung nach Öschingen eingeladen, in die gute Stube der Landmetzgerei Grießhaber. Der Titel, den ich der Lesung gegeben habe, war:

„Ein roter Apfel, mein Herz“.
Eine Zeile des großartigen Dichters Nazim Hikmet aus seinem Gedicht

Angina pectoris.

Der Anfang geht so:

Wenn die Hälfte meines Herzens hier, Doktor,
die andere Hälfte ist in China
mit der Armee, die hinabzieht, dem Gelben Fluss zu,
und an jedem Morgen, Doktor,
an jedem Morgen, wenn es dämmert,
wird mein Herz in Griechenland erschossen.

Und wenn die Gefangenen einschlafen,
die letzten Schritte im Krankenbau verstummen,
geht mein Herz fort, Doktor,
geht es fort, einem kleinen Holzbau zu in Istanbul.
Auch habe ich seit zehn Jahren, Doktor,
nichts in den Händen gehabt, was ich meinen Leuten hätte
geben können,
nichts als einen Apfel,
einen roten Apfel – mein Herz.

Ja, i
n der Sprache der Liebe spielt der Apfel eine bedeutsame Rolle: „Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Liebster unter allen andren Männern! In seinem Schatten möchte ich ausruhn und seine Früchte genießen.“ heißt es im Hohelied Salomos, 2,3. Oder der Ungar Attila Jozsef schreibt:
„Meine Liebste,
ihr Lachen ist wie der Apfel
ungeschält, in den sie beißt
und es lacht der Apfel wie sie.“

Ich freue mich, mich mitten in Nehren mitten im Steinlachtal zu wissen. Auch wegen der vielen Apfelbäume. Es gibt allein rund um Mössingen rund 20 000 Apfelbäume. Für jeden Einwohner einen. Der Baumbestand macht aber Arbeit. Der Öschinger Hans Klett hat die Situation auf den Streuobstwiesen im Jahr 2004 so zusammengefasst: „Die Leute fahren lieber nach Mallorca, statt hier auf den Wiesen Obst aufzulesen.“ Seither hat sich, den Aktivisten sei Dank, einiges getan. Aber es musste auch einiges getan werden. Doch die aus Marketinggründen „Streuobstparadies“ benannte und zum „Verein“ angemeldete Landschaft geht vor die Auspuff-Hunde, kommt die Endelbergtrasse. Die Betonfabrikanten erfreuen sich der Planungssituation „nachhaltig“. Wer sonst?

Mein Freund Martin Schurr, ein zertifizierter Fachwart, hat dort, wo ich neulich am Sonntag, den 6. September 2020, beim Spaziergang der Endelbergtrassengegner hin zum Nehrenbachtal die zwei leeren weißen Schneckenhäuser fand, um seinen Genuss am Geschmack des Obstes öffentlich zu machen, herzhaft in einen Kaiser-Friedrich-Apfel gebissen, während er zu der versammelten Menge sprach, ihr seine Freude über die Arbeit an und mit den Obstbäumen kundzutun. Das hat mich bewegt. In kurzer Zeit soll über den Ort, wo der Baum, von dem er pflückte, jetzt noch steht, eine Asphaltleichendecke gelegt werden? Meine Empfindung können mir die Pläne nicht nehmen, aber sie missachten sie und beißen mit dem Baggerzahn hinein.

Am Ende will „der Jonas“ noch ein Kleingedicht anschließen,

Apfelblüte

Nach oben in den blauen Himmel
Ragt deiner Blüten froh Gewimmel,
Nach unten in das Wiesengras.
O Apfelbaum, ich frage, was
Wohl lachender verschönert werde,
Die blaue Luft, die grüne Erde,
Wenn du mit deinem Rosaschein
In ihre Farben blühst hinein?

Sie werden es vielleicht schon erraten haben, von wem dieses Apfelbaum- Gedicht stammt. Von Karl Mayer, es stammt aus seiner Sammlung „Frühlingsblätter“ von 1834.
Nächstens pilgere ich zu seinem Grab auf dem Tübinger Stadtfriedhof und weise ihm die Produkte der Planungsbehörde vor. Wie er dann vor Grausen mit den Knochen rüttelt, das werden Sie in Ihrer Amtsstube nicht überhören können

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