Offener Brief an den Landesverkehrsminister W. Hermann und den Ministerpräsidenten W. Kretschmann – 17.08.2020

Steinlachtal, 17.8.2020

Sehr geehrter Herr Hermann, sehr geehrter Herr Kretschmann, lieber Sven-Christian Kindler, liebe Annalena Baerbock, lieber Robert Habeck –

liebe GRÜNE in Baden-Württemberg und dem Bund,

es ist schon ein bißchen eine Ironie des Schicksals: wir, eine kleine Gruppe unbeugsamer Bürger am Rande der Schwäbischen-Alb, kämpfen momentan einsam gegen ein Straßenprojekt, das dem Ausbau des Individual-Verkehrsnetzes und LKW-Verkehrs dient und vor 46 Jahren beschlossen wurde. Hierbei ist das Planfeststellungsverfahren trotz fehlender 3D-Modelle immerhin so transparent, dass deutlich wird, dass die Pläne 26,8 (!) ha insgesamter Flächenversiegelung einer intakten Streuobst- und Feld-Flur-Landschaft mit sich bringen und aus einer Zeit stammen, in der man keine echten Alternativen zum Projekt sah – und auch den Klimawandel noch fern wähnte. Ein Einspruch gegen das Planverfahren ist bis zum 2.10.20 möglich – und er wird unsererseits folgen. Die Möglichkeit einer Klage behalten wir uns vor.

Während ich daran sitze, einen offenen Brief an Sie und die Partei zu verfassen, erhalte ich den Link zur Abstimmung des neuen Grundsatzprogramms der GRÜNEN, in dem steht, worum ich in eigenen Worten ringe

Das Wissen um die planetaren Grenzen ist Leitlinie unserer Politik. Denn wenn wir durch unser Handeln die ökologischen Belastungsgrenzen in Bereichen wie Artenvielfalt, Klimaerhitzung oder Meeresversauerung überschreiten, sind die Stabilität unseres Ökosystems und die Lebensgrundlagen der Menschen gefährdet. Es ist unsere Aufgabe, uns durch technologischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zum Wohle der Menschen so nachhaltig weiterzuentwickeln, dass wir unsere Lebensgrundlagen bewahren und den Weg in die ökologische Moderne einschlagen.“

Eben dieser Absatz zur Ökologie zeigt, dass es der Wille und die Zeit ist, etwas zu ändern, auch wenn man zuvor anders dachte und dass es kein Eingeständnis von Schwäche ist, wenn man erkennt, was man vorher noch nicht erkannte, sondern ein Zeichen von Verantwortung, Stärke und Empathie, einen bestehenden Kurs zu stoppen und neu zu denken.

Dies geschieht aber bei der aktuellen Planung der Verkehrstrasse B27 nicht. Im Gegenteil. Ein riesiger LKW-Parkplatz soll vor einem der letzten Waldstücke entlang der B27 zwischen der Burg Hohenzollern und dem Schönbuch gebaut werden. Dass dort auch eine Wildtierbrücke entstehen soll, ist gleichfalls ironisch, denn auch wenn es das letzte Stück Wald dort ist, wird der massive Publikumsverkehr nicht dazu beitragen, dass die Tiere die Querungshilfe entsprechend nutzen.

Außerdem soll die Strecke Endelbergtrasse einen zusammenhängenden Lebensraum von bedrohten und geschützten Arten durchtrennen – von anderen Aspekten wie Flächenversiegelung, Temperaturanstieg durch Asphaltfläche ganz zu schwiegen.

Das aktuelle Hauptargument gegen eine alternative Trasse lautet: vor 24 Jahren war diese noch zu komplex, um sie zu planen und Planfestellungen dauern nun einmal so lange, und deswegen hält man – das Verkehrsministerium, das RP-Tübingen und so manche/r KFZ-affine Bürger – an dem Projekt fest.

Vordergründig als Sachargumente werden genannt, dass die aktuelle B27-Führung eine Lärm- und Schadstoffbelastung für Ofterdingen bedeutet und den Ort zerschneidet. Dies geschah allerdings organisch durch Wachstum rund um die aktuelle Straße.

Die Folge der vorliegenden Trassenplanung sind entsprechene Lärm- und Schadstoffbelastung für Nehren, Mössingen, Bästenhardt und die Zerschneidungswirkung für das Steinlachtal.

Die Alternative, eine Untertunnelung der Gemeinde Ofterdingen und damit eine Flächenschonung des Umlandes bei Verbesserung des Verkehrsflusses und Entlastung der Gemeinde Ofterdingen, wird nicht einmal mehr erwogen, obwohl die geplante Strecke die Fahrtstrecke nahezu verdoppeln wird!

Die Planung des aktuellen B27-Bauprojektes allerdings verläuft ungeachtet all dessen und des Umstandes, dass zeitgleich die Pläne für eine parallel führende Regionalstadtbahn der Großregionen Zollern-Alb bis Stuttgart über Tübingen und Reutlingen einhergehen, ungeachtet dessen, dass die Verkehrsprognosen ab 2030 abnehmenden Individualverkehr (www.shell.de/pkwstudie) prognostizieren und ungeachtet dessen, dass hier massiv in den Lebensraum der Fauna nahe des Streuobstwiesenbereichs Mössingen, des Nehrener Kirschenfeldes und nicht zuletzt des Biosphärengebietes Reutlinger Alb eingegriffen wird. Schutzgebiete der FFH-Richtlinie sind tangiert und werden mit einem Federwisch durch Ausgleichsflächen vordergründig egalisiert.

Wir befinden uns im Jahr 2020. Mitten in einer Pandemie, die uns alle zum Nach- und Umdenken bewegt.

Das mir heute zugesandte Grundsatzprogramm „meiner Partei“, der GRÜNEN, bezieht sich auf die Corona-Krise und benennt, wie schnell sich die Umstände ändern, Dinge möglich werden, die vorher undenkbar schienen und manches ad acta gelegt werden muss, was zuvor glasklar schien. So ist es. Und wir fragen uns, warum dies bei diesem Straßenprojekt nun nicht geht, wenn das Grundsatzprogramm proklamiert: „Wir können die Dinge besser machen. Wir können verändern, um zu bewahren. Wir können mit Beginn dieser Dekade eine neue Epoche einleiten. Damit das gelingt, müssen wir uns mit derselben Entschlossenheit und derselben Solidarität, mit der wir die Corona-Krise bekämpft haben, den anderen Krisen dieser Welt stellen.“

  • Das Klima ist in einer Krise und wird durch Förderung des Individualverkehrs nicht besser
  • Der Mensch ist in einer Krise, nicht nur durch stete Beschleunigung, Entindividualisierung, Optimierung und Distanzierung
  • Arten sterben aus, die auf diesen Flächen bereits Raum gefunden haben
  • und ja, auch die Wirtschaft ist in einer Krise – aber die Förderung von Straßen und Autos kann und darf nicht das alleinige Heilmittel unseres Landes bleiben!

Welcher Krisen braucht es noch, um zu erkennen, dass die Planungen nicht mehr zeitgemäß sind?

Wie steht es mit den Argumenten der GRÜNEN für den massiven Eingriff B27 zwischen Bodelshausen und Nehren in das gesamte Steinlachtal?

Uns ist bewusst, dass die finale Entscheidung zu einer solchen Trassenführung beim Bundesverkehrsministerium läge, aber wir – insbesondere ich als Mitglied der Partei – möchten auf diesem Wege doch freundlich um eine Stellungnahme unseres Verkehrsministers des Landes bitten, der das Projekt B27 bislang eher befördert hat, obwohl schon immer viele Argumente dagegen sprachen – was sich auch in der Dauer des Verfahrens widerspiegelt.

Sehr geehrter Herr Hermann, mit welchen Argumenten können Sie als grüner Verkehrsminister noch zu diesem Projekt stehen – wie lässt es sich mit den basalen Werten unserer Partei vereinbaren in einer Zeit, die uns aufzeigt, wie fragil auch kleinste ökologische Habitate sind und wie zerbrechlich die Existenz auf diesem Planeten?

Haben Sie sich mit dem Projekt B27 zwischen Bodelshausen und Nehren auch in Zusammenhang mit den Themen „Regionalstadtbahn“ und „Verlegung des Güterverkehrs zurück auf die Schienen“ befasst?

Wir bitten Sie alle darum, sich vor Ort ein Bild zu machen – gerne laden wir Sie hierzu zu einem der künftigen Sonntagsspaziergänge, ausgerichtet von Einzelpersonen, die sich in diesem Bündnis einbringen oder Mitgliedern anderer Gruppierungen wie beispielsweise „Kein Sündenfall im Steinlachtal“ (https://www.facebook.com/pages/category/Event/B27-Kein-S%C3%BCndenfall-im-Steinlachtal-100355388428359/) auf der sogenannten „Endelbergtrasse“ zwischen Ofterdingen und Nehren ein. Alle Termine und Treffpunkte finden Sie auf der oben genannten Facebookseite.

Außerdem bitten wir Sie darum, sich persönlich der Pläne, insbesondere des Ordners 9 (https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpt/Abt2/Ref24/Seiten/B27-Bodelshausen-Nehren.aspx), anzunehmen und unsere oben gestellten Fragen zu beantworten sowie gegebenenfalls politisch zu reagieren, um diesem völlig unzeitgemäßen Projekt Einhalt zu gebieten.

Denn wir schreiben das Jahr 2020. Ganz Deutschland befindet sich in der Verkehrswende und Reflexion über das Klima und die Lebensbedingungen auf dieser Erde. Ganz Deutschland? Nein. In einem kleinen Dorf am Rande der Schwäbischen Alb soll eine Straße gebaut werden, die die Landschaft und die Wiesen zerschneidet und den LKW-Verkehr befördern wird.

Wir – eine kleine Gruppe Unbeugsamer, werden diese Trabanten-Trasse nicht klaglos hinnehmen und uns mit allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates und ohne Zaubertrank dagegen einsetzen!

Folgende, aus den Plänen herleitbare, Fakten sehen wir ebenso wie andere Engagierte kritisch:

  • Streckenverlängerung auf 6,9 km statt bisher 3,4 km = kein Zeitgewinn!
  • Mehrverbrauch fossiler Kraftstoffe, mehr Immissionen, gleiche Fahrzeit trotz höherer Geschwindigkeiten, mehr Lichtverschmutzung
  • vierspuriger Ausbau mit Standstreifen
  • 14 Brückenbauwerke, darunter über den Tannbach: ca 15m lichte Höhe + 1,75m Konstruktionshöhe, Stützweiten 192m (6 feldrig)
  • 3 Regenklärbecken
  • 8 Stützbauwerke mit einer Gesamtlänge von 2.1km
  • 7 Irritationsschutzwände mit einer Gesamtlänge von ca. 1.85km
  • Flächenverbrauch von 26,8ha
  • Zerschneidungswirkung des Steinlachtals
  • Zerstörung der Streuobstwiesen
  • Bedrohung von schützenswerten Arten durch die Zerstörung ihres Lebensraums
  • Erforderliche Wildbrücke, in unmittelbarer Nähe ein groß angelegter Rastplatz

für 38 LKW/Busse und 62 PKW

  • Zerstörung eines Naherholungsgebiets und Premiumwanderwegs mit Blick auf Trasse und Lärm
  • Veränderung des Kleinklimas
  • Keine 3D Visualisierung des 110+ Mio € Projekts
  • Ohne Tübinger-Tunnel-Lösung bleibt der Stau

Ich bedanke mich – wir bedanken uns – für Ihre Aufmerksamkeit und freuen uns auf Antworten.

Afra Korfmann · Nehren·

zusammen mit:

Johannes Bucka, Mössingen

Peter Fischer, Nehren

German Göppel, Nehren

Katharina Korfmann, Ofterdingen

Hans-Jürgen Müller, Nehren

Claudia Rüll Calame-Rosset, Mössingen

Tanja Schmidt, Nehren

Alexander Ott, Nehren

gemeinsam engagiert im

bündnis nachhaltige mobilität

S T E I N L A C H T A L

buendnis27@gmx.de

2 Kommentare zu „Offener Brief an den Landesverkehrsminister W. Hermann und den Ministerpräsidenten W. Kretschmann – 17.08.2020

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